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Geschichte des Simultaneums in Deiningen

Der Grund für die konfessionelle Teilung Deiningens wurde eigentlich schon gut 100 Jahre vor der Reformation gelegt. Um 1400 hatten zwei Brüder des Hauses Oettingen, die Grafen Ludwig und Friedrich das Dorf unter sich aufgeteilt. In der Folgezeit entwickelten sich die beiden Linien des Adelshauses auseinander, bis etwa 150 Jahre später das Haus Oettingen-Oettingen zum evangelischen Glauben übertrat, während das Haus Oettingen-Wallerstein katholisch blieb.

 

Graf Martin von Oettingen-Wallerstein unterstanden etwa 2 Fünftel der Deininger Bevölkerung, in seinen Dorfteil gehörte auch die Pfarrkirche St. Martin. 3 Fünftel der Bevölkerung waren mit Graf Wolfgang, der auf der Harburg residierte, evangelisch geworden, hatten aber keine eigene Kirche Die Evangelischen wurden deshalb nach Klosterzimmern eingepfarrt, das 1559 endgültig säkularisiert wurde, die Klosterkirche wurde als evangelische Pfarrkirche gewidmet. Die Deininger behielten jedoch das Recht, auf dem Deininger Kirchhof bestattet zu werden. Gottesdienst und auch taufen wurden bisweilen auch im Deininger Schulhaus gehalten. Die Pfarrer von Klosterzimmern erhielten einen Vikar für Deiningen. Dennoch baten die Deininger den Grafen um eine eigene Kirche. 1616 trafen die beiden gräflichen Häuser ein Übereinkommen, bis zur Renovierung der baufälligen St. Ottilienkapelle als evangelischer Kirche, die St. Martinskirche als Simultankirche zu benutzen.

 

Dieses Simultaneum hielt fest, dass St. Martin weiterhin katholische Kirche sei, die evangelische Gemeinde aber zutritt und Miteigentum habe, gleiche Rechte und Pflichten. Am 17. November 1616 wurde im Beisein von Beamten beider gräflicher Linien als der erste evangelische Pfarrer Jakob Herrnschmidt eingeführt, der in Klosterzimmern residierte. Vikar in dem 1615 erworbenen Pfarrhaus wurde zuerst Christoph Ringler, die Vikare wechselten häufig, unter anderem war hier Johann Wiel tätig, der nach 1634, als das kirchliche Leben im Ries infolge des Dreißigjährigen Krieges zusammenbrach, die wenigen verbliebenen Deininger von Balgheim aus mitversorgte.

 

Der erste selbständige Pfarrer der evangelischen Gemeinde Deiningen, der 1664 installiert wurde, hieß Christoph Sturm und stammte aus Hiltpoltstein bei Roth. Er muss ein bedeutender Kopf gewesen sein. Denn nach fünf Jahren in Deiningen wurde er als Professor für Mathematik und Physik an die Universität Altdorf berufen. Nach dem großen krieg war an eigene Kirche in der Ottilienkapelle nicht mehr zu denken. Das Simultaneum hielt, manchmal mehr schlecht als recht.

 

Im Jahr 1731 erbten die Grafen von Oettingen-Wallerstein die Herrschaft Oettingen-Oettingen und damit auch den zweiten Teil von Deiningen. Die Konfessionsverhältnisse wurden nicht mehr angetastet, der katholische Graf war aber nun Patron beider Gemeinden. Diese kuriose Situation sollte sich später im Königreich Bayern wiederholen, wo der katholische König auch oberster Herr der evangelischen Gemeinden in Bayern und der Pfalz war und im Innenministerium die Kirchenangelegenheiten entschieden wurden.

 

Im 18. Jahrhundert wurde nach einem Blitzschlag das Innere der St. Martinskirche barockisiert, der katholische Hochaltar, die ebenfalls katholischen Seitenaltäre und der evangelische Altar mit seiner kostbaren Chorschranke (noch ohne das Altarbild, das erst 1898 dazukam) sowie die von beiden Pfarrern genutzte Kanzel müssen einmal ein prächtiges Gesamtensemble gebildet haben. Noch in den 50 Jahren des 20. Jahrhunderts wurde noch einmal gemeinsam die Kirche renoviert und das wertvolle Geläut ergänzt, in dem auch eine gotische Glocke aus dem Jahr 1357 erklingt.

 

Doch dann beantragte der evangelische Pfarrer Andreas Beck bei der Kirchenleitung ein neues Gemeindehaus, das neuzeitlichen Vorstellungen von Gemeindeleben genügen sollte und das den umgebauten Pfarrstadel ersetzen sollte. Daraus wurde der Plan eines neuen evangelischen Gemeindezentrums mit Kirche, Pfarrhaus und Gemeindehaus Die Ablösung von Wertgegenständen in der St. Martinskirche und der Verkauf des alten Pfarrhauses und einiger landwirtschaftlicher Grundstücke bildeten die finanzielle Grundlage für den Bau der Erlöserkirche, eines neuen Pfarrhauses mit angebautem Gemeindehaus. Am 2. Advent 1961 wurde die neue Kirche eingeweiht und das Simultaneum in Deiningen endete nach 345 Jahren.

 

Simultaneum Deiningen (Karl-Stirner-Archiv)

 

(aus dem Karl-Stirner-Archiv zu Zeiten des Simultaneums in Deiningen)